Vom Ursprung der Dichtung

Tagung

zum 100. Geburtstag

von Luise Rinser

Wessobrunn 13.-15. Mai 2011

1. Zum Anliegen der Tagung
Einen Dichter kann man vortrefflich ehren, indem man sich mit dem befasst, woraus sein Werk hervorgeht: die Dichtung. Deren angemessene Betrachtung betrifft sowohl die Geschichte ihrer Erscheinungsformen als auch den Ursprung ihres Wesens.
Dichtung ereignet sich durch eine besondere Erfahrung der unmittelbaren Wirklichkeit – durch den Sprung in eine Dimension, in welcher die Realität neu entdeckt wird. Sprung besagt Abhebung vom Alltag, doch nicht um sich davon zu entfernen, sondern um dessen oft verborgenen Sinn zu enthüllen.
Bei Luise Rinser kommt nun die persönliche Erfahrung, die sie zur Dichterin machte, mit der Seinserfahrung, aus der Dichtung überhaupt hervorgeht, überein.
2. Die dichterische Grunderfahrung Luise Rinsers

Beim Lesen von Die gläsernen Ringe habe er das Gefühl gehabt, in einem Garten spazieren zu gehen, sagte Hermann Hesse. Es war 1941. Die Welt bebte. Während sich „draußen“ die Menschen zerfleischten, teilte die dreißigjährige Dichterin der Öffentlichkeit mit, was „ein Kind von fünf Jahren“ 1916 mitten im Ersten Weltkrieg „darinnen“, im Kloster zu Wessobrunn, erlebt hatte. Durch die Sichtung der Innenseite erschien ihr auch das Gewicht der „Äußerlichkeit“ in neuem Licht.

Die Grunderfahrung war: die Natur, das Göttliche und der Mensch. Kampf. Schönheit und Geheimnis, Schmerz der Leidenschaft. Ekstase. Verlust des Sinnes und Sehnsucht danach: Gott überall, aber verborgen.
Von besonderem Gewicht war das Erlauschen der Worte der Stille in der Betrachtung des Teiches am Brunnen, welcher der Vision Tassilos und Wezzos Entdeckung gedenkt. Das Sprechen des Schweigens lernte sie gleichfalls hören in den Gängen des Klosters, in der hellen Dunkelheit der Kapelle, in den Ecken des Gartens. Und die Erhabenheit des Seins erblickte sie in der Gestalt des großen Baumes.
Als Luise Rinser Wessobrunn den „Ort meiner Kindheit“ nannte, meinte sie nicht nur die chronologisch erste Phase ihres Lebens, sondern Aufgang als den Ort, an welchem sich das Absolute im Kampf von Sinn und Unsinn offenbart.
3. Die Dynamik des Rinserschen Werkes
Mitte des Lebens brachte 1950 Luise Rinser den literarischen Durchbruch. Noch waren die schrecklichen Ereignisse des Zweiten Weltkrieges gegenwärtig und die Mächte schon wieder gegeneinander gerichtet, Menschen nach wie vor orientierungslos, Familien zerrissen, der Lebenssinn entzogen.
Luise Rinser wirkte am Wiederaufbau der westdeutschen Bundesrepublik, engagierte sich politisch, setzte sich mit Grundfragen des Daseins auseinander. Die Wessobrunner Grunderfahrung war dabei wie ein Stern, der sie führte, aber manchmal auch verschwand und zur vagen Erinnerung an gewesene Daseinsfülle wurde.
Aus dieser jahrzehntelangen Spannung zwischen erlebtem und ersehntem Sinn und erlittener Sinnlosigkeit entstand ein literarisches, philosophisches, theologisches Werk, in welchem manches gewiss zeitbedingt ist, vieles jedoch unvergängliche Grundfragen des Daseins betrifft wie etwa: Heimatlosigkeit als Wesenszug des Menschen, Welt als Offenbarungsort des Göttlichen, das Verhältnis Frau–Mann bzw. Männliches–Weibliches. Die Kraft der Zerrissenheit dieser Dualität stellte für sie einen Quell der Kreativität sowie die Ursache jeder Spannung dar. Dies geschieht nicht bloß in der Menschenwelt, was allerdings erst in einem größeren ganzheitlichen Horizont sichtbar werden kann.
Der große Horizont, der in der Wessobrunner Frühe von Die gläsernen Ringe angelegt war, kam zu einer epochalen Blüte mit Mirjam – dem Buch, das die Menschwerdung Gottes umdenkt, indem es „die weibliche Komponente“ entfaltet.
Doch erst ihr letztes Buch Bruder Hund (1999) – diese wundersame Legende der Urdichtung – gestattet Einblick in die ungeahnte Weite des künftigen Menschseins. Hier kommt die durch ein ganzes Jahrhundert und zwei Weltkriege schmerzhaft ausgereifte Wessobrunner Grunderfahrung in einer rätselhaften Gestalt zukunftsweisend zu Wort. Der „Fund“, wovon Hölderlin ebenso geheimnisvoll sprach, scheint bei Luise Rinser deutlicher zu werden.
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